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WILD WERDEN. (Re)Wilding.


Pastoralen oder Klarkommen mit Wildnis. (Re)Wilding lernen. Tipp für eine Lesung mit Musik.  

Wenn man Hasenfusz als Namen hat, denken andere Menschen automatisch, man wäre ein Angsthase. Ähnlich wie bei der uns heute umgebenden Landschaft ist es auch mit meinem Namen. Vor 200 Jahren sah unsere Landschaft noch ganz anders aus. Vor 200 Jahren lautete die Konnotation für „Hasenfusz“ ganz anders: das war jemand, der mutig, schnell und pfiffig war. Aber warum verbinde ich die Themen Namenskonnotation, Angst und Landschaft mit Rewilding? Weil man keine Angst haben darf, wenn man sich in die Natur begibt. Natürlich ist klar, dass der Kampf des Menschen gegen die Natur essenzieller Bestandteil seiner Zivilisationsgeschichte ist. Das ist ein ernsthaftes Problem. Menschen, die sich vor jedem Grashüpfer und jeder Zecke, jedem Käfer und jedem Dachs fürchten, tun sich natürlich auch schwer einen Wolf, einen Bären oder einen Luchs neben sich zu wissen.  

Die Technik des „Klarkommens“ und Umgebens mit wilden Bestandteilen in unserer Umgebung ist uns abhandengekommen. Sie muss neu erlernt werden. Wir müssen üben irrationale Ängste zu überwinden und uns einlassen auf die Mannigfaltigkeit der Artenvielfalt. Die Angst vor der Natur hat einen Namen: Biophobie. Das fängt schon bei den „Gärten des Grauens“ an, die Schotter statt Naturbestandteile im Vorgarten bevorzugen. Sie sind ein Zeichen dafür, wie arg sich Menschen bereits von der Natur entfernt haben. Wie sollen diese Menschen damit klarkommen, dass nachts ein Wolf durch ihr Dorf läuft? Der Prozess des Anstoßens von „Mehr-Wildnis-zulassen“ ist ein langer und er hat gerade erst begonnen.  

Mir half schon früh der Blick auf die Vergangenheit, wie sie beispielsweise in Bildern festgehalten wurde. Während meines Studiums der Kunstgeschichte verliebte ich mich regelrecht in die Pastoralen des 17.-19. Jahrhunderts. Landschaftsbilder, die Einfachheit und Ruhe sowie die Abgeschiedenheit des ländlichen Lebens zelebrieren. Akadien lässt grüßen. Herrlich ungezügelte Landschaften, mit Elementen, die ich oft genau betrachtete: Wilde Hecken, offene Waldweiden, Wiesenstrukturen, ungebändigte Bäche, kleine Wohnsiedlungen, frei umherlaufende Tierherden. Die Welt, die auf den Pastoralen zu sehen ist, ist nicht ordentlich und geleckt. Noch heute kann ich mich an solchen Bildern nicht satt sehen. Vielleicht weil die Motive, die gezeigt werden, in der Jetztzeit fehlen? Heute ist vieles begradigt, durchstrukturiert, kontrolliert. Die Landschaften in Westeuropa und weiten Teilen der Welt scheinen ihre Seele und ihre Würde verloren zu haben. Zumindest die, die der Mensch problemlos „beackern“ konnte. Pastoralen wurden zu einem Zeitpunkt en vogue, als der Mensch immer intensiver in Landschaftsräume eingriff, sie unterwarf und zu seinem Nutzen „urbar“ machte. 

Nichts prägt einen mehr als die Zeit des Aufwachsens. Ich bin abgeschieden großgeworden. Jenseits einer dörflichen oder gar städtischen Umgebung, am Waldrand auf einem alten Mühlengelände, umgeben von Natur. Und noch heute zieht es mich in die Natur – wo immer es geht. Wir wohnen „In the middle of Nüscht“, im winzigen Dorf Dahrendorf zwischen Altmark und Wendland am Biotopverbund, Nationalen Naturmonument und kommenden UNESCO Welterbe „Grünes Band“. Es ist eine Gegend, die eine der niedrigsten Bevölkerungsdichten in ganz Deutschland aufweist. Deswegen sind wir dorthin gezogen. Unglaubliche 19 Einwohner pro qkm leben in der Umgebung.  

Auch wenn wir reisen zieht es uns in die Einsamkeit der Natur. Unsere Hochzeitsreise führte uns beispielsweise 2013 ins westliche Karpatengebiet nach Rumänien in den Apuseni-Nationalpark, wo man wilde Blumenwiesen, lichte Wälder und traditionelle Weidelandschaften hektarweise sehen kann. Man traut seinen Augen kaum und denkt unweigerlich: So muss es bei uns auch einmal ausgesehen haben, bevor die industrielle Landwirtschaft mit der sog. „Grünen Revolution“ den Sieg davontrug, fast alle Arbeitsplätze und Wirtschaftskreisläufe auf dem Land strich sowie Landschaften entseelte und die Bodenfruchtbarkeit nachhaltig ruinierte. 

Doch diesen Prozess können (und müssen!) wir zurückdrehen. Wir müssen uns mehr Wildheit leisten. Dafür braucht man Mut, Visionen und eine andere Art zu denken. Angst, Ekel und Unsicherheit darf nicht etwas sein, das wir mit Natur verbinden. Biophobie darf nicht siegen. Siehe dazu auch aktuelle Studien - hier

Die britische Rewilding-Pionierin Isabella Tree hat in WILDES LAND das Akadien-Thema ebenfalls aufgenommen und schreibt „Offene Waldweiden waren die Szenerie, von der die ersten Menschen bei ihrer Ankunft in Europa begrüßt wurden, einem Kontinent, der genau wie Afrika von riesigen Herden grasfressender Tiere wimmelt.“ Und weiter: „Wenn wir die mittelalterlichen Waldweiden – unseren „wahren Wald“ – zum Maßstab wählen, ist das Rewilding ganz und gar nicht zerstörerisch. Es gibt uns die üppige, vielfältige Landschaft zurück, die uns über Jahrtausende begleitet hat.“ 

Tipp für eine Lesung mit Musik: